Deutscher Gewerkschaftsbund

20.05.2020

Corona-Krise: Frauen sind doppelt betroffen!

Die Corona-Krise sorgt seit März dieses Jahres für deutliche Veränderungen im Alltags- und Berufsleben. Die Krise ist nicht nur im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft und dem Sozialstaat zu spüren. Die Pandemie stellt zudem eine enorme Belastung für die Gleichstellung von Frauen und Männern dar. Frauen sind in der derzeitigen Krise häufig nicht nur finanziell schlechter gestellt. Sie übernehmen zugleich durch die Schließung von Betreuungseinrichtungen einen deutlich größeren Anteil der unentgeltlichen Sorgearbeit in den Familien. Die Corona-Krise trifft sie daher doppelt und droht, Gleichstellungserfolge der letzten Jahre umzukehren.

Zwar sind Frauen und Männer etwa im selben Umfang von Kurzarbeit betroffen. Weiblich geprägte Branchen sind jedoch deutlich häufiger von Tarifflucht und atypischen Arbeitsverhältnissen geprägt. Ihr Kurzarbeiterinnengeld wird gleichzeitig seltener aufgestockt. Die Corona-Krise sorgt so für finanziell deutlich angespanntere Situationen von Frauen. Gut abgesicherte Beschäftigte in Kurzarbeit sind in der Regel Männer.

Hinzu kommen zusätzliche Belastungen durch Betreuungs- und Fürsorgeverhältnisse. Eine Erwerbstätigenbefragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung unterstreicht diese Entwicklung. So nehmen Paare mit Kindern und Alleinerziehende die Krise im Vergleich zu kinderlosen Beschäftigten als deutlich belastender dar. Für Beschäftigte mit Kindern bedeuten die Schließungen von Betreuungseinrichtungen daher erhebliche Zusatzbelastungen.

Unbezahlte Fürsorgearbeit wird in den Familien mehrheitlich von Frauen geleistet. Sie kümmern sich deutlich stärker um Kinder und zu pflegende Angehörige als Männer. Nicht selten sorgt die derzeitige Situation auch für eine geringere Teilnahme von Frauen am Erwerbsleben. Die Erwerbstätigenbefragung des WSI hat gezeigt, dass 27,1 Prozent der befragten Frauen ihre Arbeitszeit reduziert haben, um die Betreuung von Kindern gewährleisten zu können. Es sind jedoch nur 16,3 Prozent der Männer, die ihre Arbeitszeit reduzieren (siehe Grafik).

Die Soziologin Prof. Dr. Jutta Allmendinger spricht in diesem Zusammenhang von einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“ der Aufgaben- und Rollenverteilungen zwischen Frauen und Männern. Dies ist, so die Erwerbstätigenbefragung des WSI, auch bei Paaren zu beobachten, die vor der Krise die Kinderbetreuung gleich verteilten. Hier geben dies während der Krise nur noch etwa 60 Prozent an. In Haushalten mit geringeren Einkommen rutscht der Wert auf unter 50 Prozent.

Diese alarmierenden Zahlen sollten für Politik und Unternehmen Anlass sein, Eltern stärker finanziell zu unterstützen, wenn sie aufgrund der aktuellen Situation ihre Arbeitszeit reduzieren müssen, um die Kinderbetreuung sicherzustellen.

Gleichzeitig müssen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und wirtschaftliche Hilfen darauf geprüft werden, ob sie Frauen und Männern gleichermaßen zu Gute kommen und eine gleichberechtigte Teilung der Sorgearbeit ermöglichen, bspw. durch kurze Vollzeittätigkeiten für beide Partner*innen. Ein Ausbau der Kinderbetreuung durch erhöhte Personalschlüssel und kleinere Gruppen ist notwendig, um die Gleichstellung von Frauen im Erwerbsleben zu fördern und sie nicht in alte Rollenmuster zurückzudrängen.

 

Grafik

Quelle: WSI-Policy Brief Nr. 40, 05/2020: Die Corona-Krise trifft Frauen doppelt, S. 9; eigene Darstellung DGB


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