Deutscher Gewerkschaftsbund

16.04.2020

Pflegepersonal: Schon vor Corona am Limit!

Die Corona-Krise zeigt derzeit, unter welchem Druck unser Gesundheitssystem steht. Gleichzeitig erfahren Beschäftigte im Gesundheitsbereich eine hohe Solidarität. Regelmäßig klatschen Menschen an ihren Fenstern, um dem Pflegepersonal für ihren Einsatz zu danken oder fragen in Kliniken nach, ob die Beschäftigten etwas zu Essen benötigen. Diese Anerkennung sollte zugleich von den Arbeitgebern durch gute Arbeitsbedingungen ausgedrückt werden.

Davon können viele Beschäftige in systemrelevanten Berufen, allen voran die Pflegekräfte, jedoch nur träumen. Sie sind gegenwärtig in pausenlosem Einsatz, um das Patientenwohl zu sichern. Aber man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Bereits vor der Pandemie waren die Beschäftigten - mehrheitlich Frauen - am Limit. Denn chronischer Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen sind seit Jahren ihre festen Begleiter. Bereits 2017 hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) festgestellt, dass in deutschen Krankenhäusern für tausend Patienten nur rund achtzehn Pflegekräfte und Hebammen zur Verfügung stehen. In den meisten europäischen Nachbarländern fällt das Verhältnis deutlich besser aus. Auch die USA und Japan sind weit voraus (siehe Grafik).

Nun stellt das Coronavirus einen neuerlichen Stresstest für die Pflegekräfte dar. Ihre prekäre Situation spitzt sich weiter zu! Fehlendes Personal geht zwangsläufig mit erhöhten Strapazen und gesundheitlichen Problemen für die Beschäftigten einher. Nach einer Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin klagen über 60 Prozent der Alten- und Krankenpflegekräfte über starken Termin- und Leistungsdruck. Mehr als ein Drittel berichtet von Arbeit an den Grenzen der Leistungsfähigkeit. Psychische und körperliche Beschwerden sind deutlich weiter verbreitet als in anderen Berufsgruppen. Überlastetes Personal erkrankt häufiger und steigt eher aus dem Beruf aus. Die Last für die verbliebenen Beschäftigten erhöht sich weiter. Ein Teufelskreis.  Gegen die Personalnot hilft nur eine attraktivere Kranken- und Altenpflege. Das beginnt beim Gehalt. In Altenheimen verdienen Vollzeit-Fachkräfte mit durchschnittlich 2900Euro über 400 Euro weniger als in der Gesamtwirtschaft. Für Helfertätigkeiten gibt es mit unter 2.000 Euro nur Niedriglöhne. Eine Zusatzprämie für Pflegekräfte, wie sie derzeit im Gespräch ist, ist natürlich ein netter Gedanke, um den Respekt, den das Pflegepersonal derzeit zu Recht erhält, auch in der Lohnabrechnung auszudrücken.

Doch eine Einmalzahlung für diese Zusatzbelastung beendet das strukturelle Problem in der Pflege nicht. Für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen sind dauerhaft höhere Löhne nötig. Ihnen entziehen sich viele Arbeitgeber per Tarifflucht. Gerade private Anbieter in der Altenpflege setzen nur auf Profit. Daher verhandelt ver.di derzeit mit Arbeitgebern einen bundesweiten Tarifvertrag, den die Bundesregierung danach für allgemeinverbindlich erklären soll. So kann sich keiner drücken. Völlig kontraproduktiv ist hingegen die aktuelle Aussetzung der Personaluntergrenzen in Krankenhäusern. Nur verbindliche Standards schützen sowohl die Beschäftigten als auch die Patienten gleichermaßen. Klar ist: Es ist höchste Zeit, den Personalmangel in der Pflege zu beenden. Der gesellschaftliche Rückenwind ist vorhanden!

Balkendiagramm

Balkendiagramm - Anzahl der Pflegekräfte und Hebammen pro 1000 Patientenfälle Wissenschaftliches Institut der AOK


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